SING HALLELUJAH!

Credit: YOUTUBE Video „Dr. Alban – Sing Hallelujah (Official HD Video)

Mittwochmittag, ein Schwimmbad im ersten Bezirk Wiens. Aus den Lautsprechern dröhnt der Song „Sing Hallelujah“, 24 Seniorinnen spritzen mit bunten Schaumschläuchen durchs Wasser und eine Fitnesstrainerin grinst mich über beide Ohren durch die Glastür an.

Dabei hatte der Tag so ruhig begonnen. Um 9 Uhr saß ich in einem Online-Workshop zum Thema Gründungsfragen für Startups. Ich wundere mich, dass es in Online-Meetings immer noch die eine Person gibt, die das Mikro an, die Kamera aus hat und parallel lebhafte Gespräche mit der Familie führt.

Nach dem Workshop packe ich meine Badetasche und mache mich auf den Weg ins Schwimmbad. „Ein paar Längen schwimmen, Ruhe, einfach für mich sein“– das waren meine Intentionen für den Tag. Selbstfürsorge ist aktuell alles andere als selbstverständlich für mich. Noch vor einem Monat war ich bei meinen Eltern – überfordert, ausgelaugt. Jetzt, zurück in Wien, ist der Schmerz noch da, aber er schreit mich nicht mehr an. Das reicht, um weiterzumachen. „Aufgeben ist keine Option“ habe ich in einem Podcast gehört. Manchmal lösen Worte Wellen aus, die durch jede Körperzelle strömen. So ging es mir mit diesem simplen Satz.

Mit einer vorsichtigen Zuversicht betrete ich müde aber stolz, das Haus verlassen zu haben, das Schwimmbad. Schon die Umkleide gibt mir einen Vorgeschmack für mein heutiges Erlebnis: eine Gruppe nackter Seniorinnen, die sich in aller Selbstverständlichkeit oben und unten ohne miteinander unterhalten. Sie strahlen eine Ruhe aus, die ich sofort aufsauge. Ich lächle sie höflich an, suche mir ein Kästchen, ziehe meinen Bademantel über den Bikini und mache mich auf die Suche nach dem Pool im Kellerbereich. „Ich hoffe, niemand ist dort“, kreist es in meinen Gedanken. Ich möchte heute einfach nur alleine sein.

Im Stiegenhaus empfängt mich statt Stille ein unerwarteter Trubel vom Keller. Stufe für Stufe wird die dröhnende Partymusik lauter und ich erkenne durch die Glastüre zum Poolbereich eine motivierte Trainerin, Wasserfontänen und lachende alte Frauen. Mitten im Pool schwingt eine der vielen älteren Damen mit geschlossenen Augen ihre Arme in eleganten Kreisen zur Musik. Ihr Lächeln verrät: Hier hat jemand die Zeit ihres Lebens. Mein Plan von Stille löste sich nun endgültig in Luft auf. Mit so einer Partystimmung habe ich wirklich nicht gerechnet. Ich überlege, wieder die Treppen hinauf zu fliehen, aber die Trainerin lächelt mich bereits so freundlich durch die Glastüre an, dass ich mich gezwungen fühle, zurückzulächeln und zu bleiben.

Ich öffne die Türe und blicke mich um. Eine freie Liege neben dem Pool rettet mich – ich laufe höflich lächelnd auf Zehenspitzen an der Trainerin vorbei, kuschle mich in die sichere Liege, lausche der Musik und beobachte das Spektakel. „Sing Hallelujah“ von Dr. Alban dröhnt nun aus den Lautsprechern, und es dauert nicht lange, bis ich mich dabei erwische, wie meine Zehen im Takt zur Musik wippen. Der Drop des Songs nähert sich und ich muss sagen – Das ist ein absoluter Banger. Die Playlist macht weiter mit „Never Gonna Give You Up“ von Rick Astley und „Alles nur geklaut“ von den Prinzen. Aus meinem geplanten meditativen Selbstfürsorge-Tag war nun ein spontanes Mini-Festival mit zwei dutzend alter Damen geworden.

Ich genieße die stimmungsvolle Atmosphäre und sauge die Lebensfreude, die diesen Keller heute füllt, in jede Pore. Meine Mundwinkel ziehen in Richtung beider Ohren, meine Zehen wippen und ich spüre, wie meine Augen glasig werden. Nach vielen Monaten nur diesmal nicht aus Trauer und Schmerz. Sondern aus der Freude am Leben, die gerade ganz tief in meinem Herzen aufflammt. Es fühlt sich wie ein „sich erinnern“ an.

Nie hätte ich diesen Wendepunkt an einem gewöhnlichen Mittwochmittag kommen sehen. Ich hatte gedacht, ich brauche Ruhe und Stille. Aber es waren die tanzenden, lachenden Seniorinnen und ihre Schaumschläuche, die mich daran erinnerten, dass Leben auch Leichtigkeit sein kann. Und ich erinnere mich wieder an das Vertrauen, das ich für einige Zeit verloren habe. Das Leben führt uns, wenn die Zeit reif ist, genau dorthin, wo wir hin gehören – auch wenn wir es ganz anders geplant haben.

(Und jetzt: Ganz laut „Sing Hallelujah“ anmachen, mitsingen, strahlen und alles raustanzen!)

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